Stadt und Gesellschaft – Was uns bevorsteht

Stadt und Gesellschaft – Was uns bevorsteht

Im Rahmen des Kunstunterrichts des zweiten Semesters stand mein Kurs der Frage gegenüber, welche Vorstellung von Zukünftiger Gesellschaft wir haben. Wir waren aufgefordert unsere eigene Gesellschafts- und Stadtutopie zu skizieren. Nicht nur ging meine Antwort auf die Frage ein wenig am beauftragten Umfang vorbei, ich verfehlte auch ein wenig die Fragestellung. Reflexartig schrieb ich einen vor allem faktisch basierten Aufsatz, in dem ich die bevorstehenden Probleme und Entwicklungen skizierte, wobei ich weitgehend auf phantasievolle und normative Vorstellungen verzichtet und welchen ich mit einem utopie-kritischen Fazit beende. Hierbei war mir nicht der tagträumerische Charakter von Utopien in den Sinn gekommen. Vor allem dachte ich dabei an jene Eliten wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Bill Gates, welche ihre Geräte und Software oft in ein utopisches Gewand voll technischer und gesellschaftlicher Innovation kleiden. Dass Utopien auch ein Mittel sein können, durch alternative radikale Denkweisen ohne zwangsläufigen Durchsetzungsanspruch neue Ideen zu vermitteln und einen Gesellschaftlichen Diskurs zu starten oder zu verstärken und nicht nur die Heilsprophezeiungen einiger größenwahnsinniger Computernerds mit zweifelhaften Absichten sein mussten, war mir ersteinmal nicht in den Sinn gekommen.

Vielleicht hält der ein oder andere die folgenden Worte trotzdem für lesenswert. Anmerkung und Kommentare würden mich interessieren:

Um die Frage zu beantworten, wie Gesellschaft und Architektur in der Zukunft aussehen werden ist es sinnvoll die gegenwertigen Entwicklungen ins Auge zu fassen.

Ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten. In den westlichen Ländern ist der Urbanisierungsprozess am weitest fortgeschritten, stagniert jedoch. Er begann mit der Modernisierung und Industrialisierung des europäischen und nordamerikanischen Kontinents. Durch die Modernisierung der Landwirtschaft wurden weniger Arbeitskräfte auf dem Land benötigt – die Bevölkerung strömte in die Städte um in Fabriken zu arbeiten.

BASF Werk Ludwigshafen, 1881 https://de.wikipedia.org/wiki/Hochindustrialisierung_in_Deutschland#/media/Datei:BASF_Werk_Ludwigshafen_1881.JPG

In Asien, besonders China, Indien und Japan, zeigte sich seit dem vergangenen Jahrhundert eine rasante wirtschaftliche Entwicklung gepaart mit einer rasant Steigenden Bevölkerung und Urbanisierung. Unweigerlich treten einem die Bilder von Megacities wie Tokio oder Peking vors Auge, die bereits einen weitaus moderneren, hochtechnologisierteren Eindruck machen als die europäischen Städte. In diesem allgemeinen Eindruck und der allgemeinen Dynamik lässt sich unweigerlich Feststellen: Die Stadt ist Gesellschaftsform der Zukunft. Die Verwendung des Begriffs „Gesellschaftsform“ mag an dieser Stelle vielleicht zunächst irritieren, jedoch bedeutet die Stadt nicht nur eine Wohnform, bei der eine große Menge an Menschen auf einem kleinen Stück Land leben. Die zunehmend wachsenden Städte, das dichte Wohnen sind mit einer einer Reihe von gesellschaftlichen Phänomenen verbunden, mit einem anderen „Lifestyle“, egal ob hier von einem Slum im Mumbai oder dem Geschäftszentrum von Shanghai die Rede ist. Doch hierbei wird deutlich das sich die Städte nicht wirklich auf eine Erscheinung, einen Gesellschaftstypen reduzieren lassen. Insofern korrigiere ich oben genannte These: Die zukünftigen Gesellschaftsformen werden für die weite Mehrheit der Menschheit maßgeblich durch die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Stadt der Zukunft beeinfluss und geprägt sein. Hierbei klingt eine Menge Verantwortung für die Stadtplanung durch: Die Architektur wird eine maßgebliche Rolle spielen, wenn die Probleme und Herausforderungen dieses Urbanisierungsprozesses angegangen und gelöst werden sollen.

Bangkok Skyline https://en.wikipedia.org/wiki/Bangkok#/media/File:Bangkok_Night_Wikimedia_Commons.jpg

Die Zukunft der Stadt liegt in Afrika. Diese These mag vielleicht überraschen in Anbetracht der Tatsache, dass Afrika bis jetzt der am wenigsten urbanisierte Kontinent der Welt ist. Nichtsdestotrotz ist hier die Geschwindigkeit des Stadtwachstums – die Urbanisierungsrate – am höchsten. Allein das Bevölkerungswachstum dieses Kontinents ist beachtlich. Bei jetzt ca. 1,2 Milliarden, soll die Bevölkerung sich bis 2050 verdoppeln und bis zum Ende des Jahrhunderts sogar vervierfachen.

Bevölkerungswachstum Afrika https://www.deginvest.de/DEG-Dokumente/Download-Center/DEG_Wirtschaftliche-Aussichten-Urbanisierung-in-Afrika_2017_06.pdf

Auch wird hier die Industrialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft weiter voranschreiten. Das insgesamt bedeutet, dass auf diesem Kontinent, der einen massiven Urbanisierungsprozess in einer voraussichtlich sehr kurzen Zeit durchlaufen wird, die Herausforderung für eine Architektur, die die ökonomischen, ökologischen, kulturellen und sozialen Bedingungen Afrikas und seiner einzelnen Lokalitäten berücksichtigen und verbessern will, nicht unbeachtlich sind. Denn schon jetzt entstehen riesige Slums wie Kibera, ein Vorort Nairobis (Kenia), wo, in selbsterbauten Belchhütten 200.000 Menschen auf 2,5 Quadratkilometern leben. Über 50% von afrikas Stadtbewohnern leben in solchen Vierteln.

Kibera, Nairobi, Kenia https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Nairobi_Kibera_04.JPG

Was werden also die wesentlichsten Herausforderungen dieser zukünftigen Architektur sein und wie wird die Stadt der Zukunft aussehen?

Zunächst einmal zu den Stilrichtungen der Architektur: Unsere Vorstellungen von den zukünftigen Gebäuden und ihrem Aussehen sind merkbar geprägt von Science-Fiction Filmen und gigantischen Megacities wie sie vor allem in Asien existieren. Vermutlich wird auch in Zukunft der Trend des Ausprobierens von Formen und neuen Stilen, was durch die vermeidliche Entdeckung und Entwicklung neuer Baustoffe und Bautechniken, wie z.B einst die Erfindung des Stahlbetons, befeuert werden könnte, weiterlaufen. Nichtsdestotrotz werden auch in Zukunft Architekten und Auftraggeber sich auf bereits existierende Architekturepochen wie z.B den Klassizismus, Gründerzeit oder Jugendstil beziehen und versuchen diese zu kopieren. So wie auch heutzutage in freien Gesellschaften die Architektur pluralistisch ist, so wird sie das auch in Zukunft sein – es wird also vermutlich nicht einen Architekturstil der Zukunft geben.

Nun zu den Herausforderungen, die der städtischen Architektur der Zukunft gegenüberstehen: Entscheidend für Afrika wird sein, dem hohen Städte- und Bevölkerungswachstum gerecht zu werden, eine ausreichende Infrastruktur und Wohngelegenheiten zu schaffen. Es gilt aus dem bevorstehenden Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum Wohlstand für die Gemeinden zu schöpfen und die Bevölkerung aus den Slums zu hohlen. Darüber hinaus besteht eine weitere Herausforderung in der ökologischen Frage: Wie kann die Architektur angesichts der sich zuspitzenden Klimakatastrophe eine umweltfreundliche Stadt und einen nachhaltigen Städtebau umsetzen. Bei Ersterem lässt sich vielleicht an Urban Growing Projekte denken, welche sich zum Ziel setzen, die Lebensmittelabhängigkeit der Städte zu senken und die Natur in den Aphaltjungel zu bringen.

Prinzessinengarten Berlin Kreuzberg https://www.flickr.com/photos/39367406@N04/11545691785

Einen Knackpunkt stellt das Bauen selbst da. Die meisten Gebäude werden auf lange Sicht wieder Abgerissen. Hierbei ist vor allem das Problem, das Mischstoffe verwendet werden, welche sich nicht recirclen lassen. Es bedarf also neuer Baupraktiken und wiederverwendbare Baustoffe.

Für die Länder, wo die Urbanisierung bereits weitgehend durchlaufen ist und die benötigten Wohnungen bestehen, wird, im Sinne einer ökologischen Architektur, auf das umfangreiche Bauen von neuen Gebäuden verzichtet werden müssen. Es sollte daher hier die Devise gelten, anders als z.B in Afrika, wo über 700 Millionen neue Wohnbauten errichtet werden müssen, vor allem die bereits bestehenden Gebäude zu nutzen und an die zukünftigen Herausforderungen anzupassen – Stichwort Digitalisierung, Wärmedämmung usw…

Klar ist auf jeden Fall, dass uns eine massive Veränderung der städtischen Infrastruktur bevorsteht. Die Aufgabe einer Stadtplanung, welchen sich eine gesellschaftliche Verbesserung zum Ziel setzt, wird sein die Entwicklungen von Digitalisierung und autonomen Fahren in diesem Sinne zu gestalten. Dass diese Entwicklungen kommen werden wagt vermutlich kaum einer zu bestreiten. Onlineshopping, Lieferdienste, VR, selbstfahrende Autos, Automatisierung werden zu gravierenden Veränderungen in der städtischen und gesellschaftlichen Landschaft führen. Dass hierbei das bereits bestehende Informations- und Datenschutzproblem schwer händelbare Ausmaße nehmen wird ist naheliegend. Die Gefahr besteht, dass der Mensch zu einem Konsumenten mutiert, der bequem, neben Millionen von anderen Menschen, die digitalen Dienstleistungen und Produkte einiger weniger Unternehmen konsumiert, jedoch sich vollständig abhängig macht, seine Informationen sammeln und überwachen lässt und somit seine Freiheit verliert. Auch zu solchen Problemen wird die Stadtplanung und Architektur Antworten finden müssen, wie das digitale „Nervensystem“ der Städte zu planen und gestalten ist und ob man dies privaten Tech-konzernen überlassen sollte.

Und grade solche Thematiken sind der Grund dafür, warum die Zukunft der Stadt, Gesellschaft und Architektur nicht utopisiert werden sollte. In keinem Fall reicht es aus die Technologischen Errungenschaften als die Heilmittel für die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme zu preisen. Im Gegenteil: je größer die Dimension menschlicher Existenz sein wird, desto größer werden auch die Risiken und Probleme sein, die damit verbunden sind. Ob es dann sinnvoll ist sich eine alternative utopische Zukunft sich auszudenken und ihr nach zu fantasieren bleibt fraglich. Die menschliche Sehnsucht nach einer utopischen Zukunft zeigt zumindest sein individuelles, aber auch gemeinschaftliches Streben nach einer gesellschaftlichen Verbesserung. Dafür müssen die gegenwärtigen und voraussehbaren Probleme angepackt und gelöst werden.

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