Ist all unser Handeln egoistisch?

Ist all unser Handeln egoistisch?

In letzter Zeit habe ich oft das Wort „Gemeinschaftsziel“ gehört. Ob in den Nachrichten, in der Zeitung, im Unterricht oder in den kleinen Fernsehern an der U-Bahndecke, auf denen man so schön vergessen kann, dass man sich mit vielen Menschen in einem engen Raum unter der Erde befindet. „Gemeinschaftsziel“- Ich höre davon, wenn Nachrichtensprecher über den Klimawandel reden oder wenn Spenden für die nächste welterschütternde Katastrophe gesammelt werden. Lösungen scheinen nur in einer Gemeinschaft gefunden werden zu können, Antworten existieren nur in einer Gemeinschaft und zu Entscheidungen kommt man doch sowieso nur in der Gemeinschaft. Es wird erwartet, dass man in jeden Gedanken und in jede Entscheidung die Gemeinschaft mit einbezieht und sobald ein Individuum ausschließlich im Interesse der eigenen Ziele handelt, stößt es auf Unverständnis. Wahrscheinlich rührt daher die allgemein verbreitete Ablehnung des Begriffs „Egoismus“. Eine Eigenschaft, die wegen ihrer öffentlichen Untauglichkeit verdeckt wird. Aber was wäre, wenn es sich genau umgekehrt verhielte und in Wirklichkeit sogar all unser Handeln egoistisch ist?

Es spielt keine Rolle, ob ich einem Freund etwas zum Geburtstag schenke, den heruntergefallenen Stift meiner Sitznachbarin aufhebe oder einem Obdachlosen etwas zu Essen gebe, denn es läuft auf dieselbe Schlussfolgerung hinaus: Handlungen, die Augenscheinlich so voller Mitgefühl und Nächstenliebe sind, strotzen in Wahrheit nur so von Selbstliebe. Im Endeffekt dienen diese Handlungen allein zur Steigerung der eigenen Gewissensberuhigung und des eigenen Egos und sind somit egoistisch. Wir sind ständig so krampfhaft damit beschäftigt, die Fassade der Selbstlosigkeit aufrecht zu erhalten, dass wir uns gar nicht mehr dem uns antreibenden Egoismus bewusst sind. Es verhält sich sogar im Gegenteil: Diese Eigenschaft des Egoismus, die jeden von uns vorantreibt, wird zur selben Zeit von uns verurteilt und verachtet. Den eigenen Egoismus zu verleugnen fasse ich daher als Unaufrichtigkeit gegen sich selbst auf. Doch was folgt daraus?

Ich stelle mir eine Welt vor, in der der Fokus eines jeden Menschen auf das eigene Wohl gerichtet ist. Eine Welt in der die eigenen Ziele und Wünsche stets wichtiger sind als die der anderen. Ich stelle mir eine Welt vor, in der jeder Mensch derart von seiner eigenen Meinung überzeugt ist, dass er die der anderen Egoisten nicht akzeptieren kann. Eine Welt in der Einigungen unmöglich sind. Es ist offenkundig, dass hier der erste Konflikt auftaucht: Ein Egoist kann sich für andere Menschen nicht den Egoismus als leitendes Motiv ihrer Handlungen wünschen, da dies sein eigene Lebensweise behindern würde.

Aber womit ist gesagt, dass ein Egoist in seinem Handeln zugleich dieses Handeln für alle anderen Individuen will? Einem wahren Egoisten würden wohl kaum die Bedürfnisse seiner Mitmenschen kümmern. Ein Egoist, der nach Kants Kategorischem Imperativ^1 lebt, ist nur schwer bis gar nicht vorstellbar.

Egoismus wird also vermieden, trotzdem er das Motiv all unserer Handlungen zu sein scheint. Wie ich es auch drehe und wende – Egoismus lässt sich nach meinen Beobachtungen nicht umgehen. All unser Handeln ist egoistisch, also sollte ich mich viel mehr fragen, ob Egoismus denn unbedingt eine schlechte Eigenschaft sein muss.

Um einen ersten Schritt auf die Beantwortung dieser Frage zu gehen muss ich mir zunächst Folgendes überlegen: Wie würde ein Egoist Handeln? Wenn ich eine Bitte habe, dann formuliere ich sie auch als eine solche, doch wie würde ein Egoist handeln? Würde er bitten und nett sein, um sein Gegenüber nicht zu überfordern oder abzuschrecken? Nein – statt zu fragen würde er fordern und anstelle von „Wäre es für dich in Ordnung, wenn…“, würde er feststellen:“ Ich tue/ich mache/ich werde…“. Bei genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass in einer zielorientierten, oder vielmehr bei einer eigenzielorientierten Formulierung kein Spielraum für Missverständnisse entstünde. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht“, “Ich bitte sie“, „Ich würde mich sehr freuen wenn Sie“, usw. Dies sind alles Formulierungen, die allein der Höflichkeit dienen, den Kern der Aussage zu schmücken ohne einen wirklichen Sinn zu verfolgen, außer dem erwarteten Höflichkeitsgebot zu entsprechen. Es ist offenkundig, dass ohne Rücksichtnahme auf das Gegenüber präzisere und klarere Aussagen getroffen werden würden. Also warum vermeiden wir das verkomplizierende Mitgefühl gegenüber unseren Mitmenschen nicht einfach?

Die Gegenwart meiner Mitmenschen eröffnet erst den Bereich, innerhalb dessen sich meine Forderungen als egoistisch zeigen könnten. Diese Formulierung habe ich ganz bewusst gewählt, denn nach Martin Heideggers „Unverborgenheitstheorie“^2 kommt der Mensch über ein bestimmtes Thema zu unterschiedlichen Wahrheiten, da sich das Thema selbst dem Individuum als etwas offenbart. Daher ist es nur verständlich, dass die Menschen eine unterschiedliche Auffassung zur Definition von „Egoismus“ haben.

„Egoist“- Dieses Wort hat für die meisten Menschen eine negative Konnotation. Obwohl „ego“ aus dem lateinischen kommt und eigentlich nur „ich“ bedeutet, verbinden wir mit diesem Wort nicht etwa einen Ich-bezogenen Menschen, sondern einen rücksichts- und kompromisslosen Menschen. Egoisten scheinen stets nach der Maxime „Ich bin Gott und mir gehört die Welt“ zu handeln.

Aber zeigt sich Egoismus nicht vielmehr in Form von selbstbestimmtem und sich-selbst verpflichtetem Handeln in einem positiven Licht? Egoismus leben bedeutet, reflektiert zu sein und zu wissen was man möchte, bedeutet die Eigenschaft, seine Bedürfnisse zu kennen und benennen zu können. So können die Wurzeln egoistischen Handelns auch in einem individuellen Harmoniebedürfnis liegen, aus dem höfliche und respektvolle Konsens- Formulierungen anderen Mitmenschen gegenüber erwachsen.

Letzten Endes muss ich erkennen, dass im Äußern von Mitgefühl gegenüber meines Gegenübers das menschliche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Konversation befriedigt wird. Wie zuvor gesagt, würde ein egoistisch motiviertes Handeln die Kommunikation präzisieren und in diesem Bereich Missverständnisse durch das Weglassen unnötiger Floskeln vermeiden. Dazu müsste jedoch erst die Hürde des Mitgefühls gegenüber den Mitmenschen überwunden werden. Darin besteht der springende Punkt: Auch durch das Ausdrücken von Gefühl und Mitgefühl befriedige ich meinen Egoismus. Jedoch so, dass er für alle einen Nutzen hat. Die Konversation über mein inneres Erleben erfüllt den Drang, meinen Gefühlen ein Ventil zu geben und bedeutet gleichzeitig für mein Gegenüber sein Mitgefühl zu äußern, was wiederum sein Ego befriedigt. Ich habe hier eine Art „Symbiose der Kommunikation“ getrieben durch Egoismus gefunden, bestehend aus der Befriedigung meines Bedürfnisses nach Aufmerksamkeit und der des Gegenübers, die in der Befriedigung seines Egos durch Mitgefühl liegt.

Das Problem, weshalb Egoismus trotz dieser Sinnhaftigkeit als negative Eigenschaft gilt, liegt wie ich finde einzig und allein in der Definition dieses Begriffs selbst. Also wäre das Problem, weshalb der Egoismus so schlecht dasteht nicht behoben, indem die Menschen ihre Einstellung zur Definition von „Egoismus“ ändern würden? Eine Umwandlung der Assoziation „rücksichtslos“ in „effizient“ oder „befriedigend“ scheint mir hier sinnvoll. Aber wie realistisch ist es, dass alle Menschen ihrer Intuition zu diesem Begriff und dieser negativen Belegung misstrauen?

Über den Skeptizismus stellte bereits David Hume in Bezug auf einen überzeugten Skeptiker fest, dass „das erstbeste triviale Ereignis in seinem Leben all seine Zweifel und Bedenken verscheuchen“^3 werde und ich komme zu der Erkenntnis, dass es sich beim Egoismus ebenso verhält. Selbst jemand, der von der Negativität des Egoismus überzeugt wäre, muss -sobald er seinen Freunden oder der Familie gegenüber ein ihm widerfahrenes Unglück beschreibt- zugeben, dass er den Moment der Offenbarung als Befreiung empfunden hat, denn sein Bedürfnis wurde gestillt.

Ja, all unser Handeln ist egoistisch, doch darin liegt, wie ich feststellen konnte, kein Nachteil, sondern ein Vorteil.


1 Immanuel Kant: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ aus Grundlegung zur Metaphysik der Sitten in Kritik der praktischen Vernunft 1785

2 Martin Heidegger: Abhandlung Vom Wesen der Wahrheit 1930

3 David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Übers. Und hrsg. von Herbert Hering. Philipp Reclam: Stuttgart 1967, S. 200

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