Hipsteraktivisten, Ökomuttis und ein VW Manager

Hipsteraktivisten, Ökomuttis und ein VW Manager

Es ist der 20.9.2019, etwa 270000 Menschen schieben sich durch die Straßen der Berliner Innerstadt. Auch ein paar – noch – gleichgesinnte Mitschüler und ich haben uns ins Getummel der quitschbunten und parolenbrüllenden Meute von Berliner Hipsteraktivisten und Ökomuttis gestürzt. Gleich nach der fünften Stunde hatten sich mehrere Einsatzkommandos vor der Schule bereitgemacht um zum Global Strike aufzubrechen. Neben dem den selbstinszenierten Umweltrittern in unkonventionellen Second Hand Klamotten, die sich, wenn nicht an ihrem eintönig diversen Klamottenstil, anhand der springerstiefelartigen Dog Martens erkennen lassen, finden sich auch diejenigen, von außen denkbar unpolitisch wirkenden Genossinnen und Genossen, die im Normalfall so aussehen, als würden sie mit ihren Airpods jegliche Form von zwischenmenschlicher Kommunikation zu blockieren versuchen.

Wie auch immer. Worauf will ich hinaus? Also dann stehen sie da, Vegan-Umweltideologen neben Durchschnitts-wilmersdorfern, die im Zweifelsfall „Nachhaltigkeit“ im Duden nachschlagen müssen, und brüllen, die Einen leidenschaftlicher als die Anderen: „Wir sind hier wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“.

Aber was soll eigentlich dieser ganze Klimaschutz? Nicht ganz unverständlicher Weise wird jenen besorgten Bürgern einer ganz anderen Art von den Konservativen vorgeworfen man solle sich doch erstmal an der eigenen Nase packen, denn nicht selten mag der Protestierende, auf welche Art und Weise er sich als Klimaschützer inszenieren mag, auf die Konsumvorzüge des Neoliberalismus – sei es die Short Break nach Malta, Skireise oder das neue Iphone – kaum verzichten. „Es ist halt einfach so praktisch“. Generell scheint die moralisierende Seite des Klimaaktivismus problematisch, denn abgesehen von den wirklich radikalen Naturliebhaber, die in abgeschottete Ökodörfer aussiedeln – vermutlich keine Option für die ganze Menschheit – , sind viele jener Demonstranten nicht bereit auf das System zu verzichten, dessen Auswirkungen sie beklagen und welches sie von „der Politik“ nachhaltig gemacht haben möchten.

Man fordert einen Paradigmenwechsel der Politik, weil man im Privaten ein „ökologischen Lebensstil“ – was auch immer das bedeuten mag – nicht verfolgen mag oder kann. Gesprochen wird vom E-Auto, doch dem Heiland der Klimapolitik und der Automobilindustrie wird ein wahnwitziger Ressourcenverbrauch und Energiebedarf vorgeworfen. Diese produziert in den viel zu langsam abgeschalteten Kohlekraftwerken, ist der Glanz dahin, kaum besser als ein herkömmliches Auto.

Immerhin kosten Plastiktüten nun was. Zukunftsbewusst verbietet die EU Strohhalme. Doch diese politisch wie ökonomischen vertragbare Strohhalmverbieterei sollen uns vor Waldbränden wie in Australien oder Sibirien, dem Kollaps der Regenwälder, dem auftauen der Permafrostböden und der Zerstörung und Ausrottung der meisten Ökosysteme und der Dezimierung vieler Spezies – den Menschen eingeschlossen – retten?!

Bis jetzt führt der ökologische und politische Mainstream die Debatte vor allem auf dem Bereich der Herstellungs- bzw. Konsumweisen. Doch effizientere und nachhaltigere Effekte bei Produktion und Konsum werden meist bald durch steigende Produktion, Verkauf und Gebrauch wettgemacht. Ein Beispiel hierfür: Während die herkömmlichen Verbrennungsmotoren seit ihrer Erfindung immer effizienter geworden sind, steigen Verkaufszahlen und Gewicht erheblich – man denke nur an die übergewichtigen, testosterontrotzenden SUVs. Das Resultat: Von einer ökologischen Autoherstellung und -konsumierung kann in keinem Fall die Rede sein.

Ist die Frage also überhaupt richtig gestellt? Läuft man in eine Falle, wenn man fragt: „Wie können wir ökologisch konsumieren“ – weil neue Technologien nicht das Klima retten sondern vor allem den reich machen, der sie erfindet?

Eine radikale und sozial unverträgliche Meinung antwortet ja. Wie soll man denn „den Planeten retten“ ohne die Frage nach dem Wachstum, dem so vieles entscheidenden, so vieles dominierenden, so vieles – vielleicht nicht offen zugegeben – rechtfertigenden und überragenden Mantra unserer neoliberalen Gesellschaft.

Eine Entscheidung muss getroffen werden, denn der unausgesprochene Anspruch eines immer fortlaufenden Wachstums ist auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht möglich.

Wenn jetzt der VW Manager nach dem Dieselskandal verkündet (oder zumindest so handelt): Wenn es ums Wachstum geht hat die Moral zu schweigen, dann holt der Berliner Mittelschichtsfridaysforfulturdemonstrant sein Transparent heraus und brüllt „scheiß Kapitalistenschwein“ und weiter „wir sind hier, wir sind laut…“ – man kennt den Rest.

Doch wenn die Frage lauten würde; wirtschaftliches Wachstum oder Klimaschutz, wäre die Entscheidung dann nicht längst gefällt.

„Wir können doch nicht in ein vorindustrielles Stadium zurückkehren. Allein der medizinische Fortschritt. Nein, das geht nicht. Es braucht Kompromisse!“ sagt mein Opa als ich mit ihm diskutiere. Es ist Anfang Februar. Wir sitzen am Fenster und schauen in den bayrischen Wald, es sind 12 Grad Celsius und keine Spur einer Schneeflocke. „Die Winter sind vorbei“ sagt er dann und ich muss unwiderruflich an Game of Thrones denken.

Mache ich es mir hier zu einfach, wenn ich argumentiere, dass die Entscheidung zwischen Wachstum oder Umwelt liegt und wir uns (auch ich bin „Klimaaktivist“) bereits für ersteres entschieden haben? Gibt es Alternativen – z.B ökologisches Wachstum? Funktioniert eine Gesellschaft auch ohne wachsende Wirtschaft?

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